Die Blinden sehend machen – warum du aus der Kirche austreten solltest

Die Blinden sehend machen – warum du aus der Kirche austreten solltest

Ich selber bin aus der Kirche ausgetreten, lange bevor ich meine ersten Kirchensteuer hätte zahlen müssen. Ich war Studentin und lebte in Köln. Damals machte in Köln eine furchtbare Geschichte Schlagzeilen. Eine junge Frau war Samstagsabends ausgegangen. Sie war mutmaßlich uter Drogen gesetzt und vergewaltigt worden. Verzweifelt ging sie am nächsten Tag ins nächstgelegene Krankenhaus und bat darum, untersucht zu werden und die „Pille danach“ verschrieben zu bekommen. Sie wurde abgewiesen. Im nächsten Krankenhaus: Das gleiche Spiel. Im dritten wurde sie schließlich behandelt. Die ersten beiden waren katholische Krankenhäuser. Das dritte ein staatliches.

So können wir getrost sagen: »Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?« Hebräer 13:6

Wie du dir denken kannst, führte diese Geschichte zu einem Skandal in Köln, der sich auch auf das gesamte Land ausdehnte. Nicht nur ich stand in der darauffolgenden Woche beim zuständigen Amtsgericht, sondern eine ganze Reihe anderer Menschen waren mit mir da und erklärten ihren Austritt aus der (katholischen) Kirche.

Die Sache mit der Kirchensteuer

Wir können auf einem Finanzblog nicht über die Kirche reden, ohne über die Kirchensteuer zu reden. Auch die Seite Kirchenaustritt.de hat in einer eigenen Umfrage die Beweggründe der Menschen analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der Großteil der Kirchenflüchtigen die Kirchensteuer als Grund angibt:

Dass man in Deutschland eine Kirchensteuer zahlt ist zu einem so integralen und normalisierten Bestandteil des Deutsch-Seins geworden, dass kam jemand diese Verflechtung hinterfragt. Gut, man hört hier und da mal das übliche Gejammer darüber, dass man mal wieder soundso viel an die Pfaffen hat abdrücken müssen. Interessant ist aber, dass wir zu den wenigen Ländern gehören, in denen so etwas wie eine Kirchensteuer erhoben wird. Besonders interessant daher, da wir doch eigentlich in einem säkulären Staat leben, in dem Kirche und Staat getrennt werden sollten.

Wie du ein perfektes Haushaltsbuch führen kannst

Wie viel ist das eigentlich?

In Bayern und Baden-Württemberg beläuft sich der Kirchsteuersatz auf 8%, in allen anderen Bundesländern auf 9%, Bemessungsgrundlage ist die Einkommensteuer. Wenn du 3500 € brutto verdienst, beläuft sich das auf rund 50 € im Monat, rund 600 € im Jahr. Das ist ein ganz nettes Geschäftsmodell, denkst du dir sicher. Der Staat kassiert im Namen eines Vereins Steuern ein und die Kapitalberge wachsen und wachsen. Doch um wie viel genau?

Im Jahr 2011 hat das Erzbistum Köln (ganz recht, nur Köln!) etwa 706 Millionen Euro durch Kirchensteuergelder eingenommen (Quelle: Wikipedia). In ganz Deutschland waren das rund 4,3 Milliarden €, Tendenz steigend.

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ – Markus 10,25

Versteh mich nicht falsch – ich bin die letzte, die ein erfolgreiches Geschäftsmodell kritisiert. Ich finde es spannend zu sehen, wie das jahrtausendelange Ansammeln von Immobilien, Kunstschätzen, Edelmetallen, Wertpapieren usw. ein Vermögen kreiert hat, das seines Gleichen sucht. Ich finde aber, du als Kunde (als Kirchenmitglied bist du schließlich Kunde) solltest wissen, was du als Gegenleistung bekommst.

Jesus würde austreten

Laut der Propaganda- ähhh… Imagewebsite der katholischen Kirche katholisch.de fließt die eingenommene Steuer auf direktem Wege in die Gemeinde zurück! Von „Initiativen für Kinder und Familie“ ist da die Rede, Seelsorge z.B. im Krankenhaus (wie in Köln geschehen, haha), Gottesdienste und Caritas. So richtig transparent gibt man sich aber in dem ca. 20 zeiligen Artikel nicht. Nagut, wohlmöglicht können das auch die internen Buchhalter nicht so ganz genau sagen, denn über die Jahre hat sich ein unentwirrbares Konglomerat aus Mutter- und Tochterfirmen, Vereinen, Holdings und sich gegenseitig beauftragenden Splittergruppen gebildet.

Aber schauen wir uns doch einmal das Zugpferd des guten Gewissens an; den deutschen Caritasverband: „Der Anteil von Kirchengeldern in der Finanzierung aller Tätigkeiten von Caritas und Diakonie beträgt insgesamt etwa zwei Prozent. Die beiden Kirchen finanzierten von den rund 37 Milliarden Euro Kosten der Einrichtungen in der Trägerschaft von Caritas und Diakonie im Jahr 2003 insgesamt etwa 830 Millionen Euro“. (Quelle: Wikipedia) Ähnlich oder noch schlimmer sieht es aus bei katholischen Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen usw. Die tatsächliche Last liegt nicht bei den Kirchen sondern beim Staat und damit beim Steuerzahler.

Kirchenrecht ist nicht gleich staatliches Recht
Quelle

Wenn du nun aber denkst: „Wer vom Staat bezahlt wird, muss sich auch an dessen Gesetze halten“ – dann irrst du dich. Hier nur ein paar Meldungen:

  • Ein katholisches Gymnasium hat den Anstellungsvertrag für einen Referendar zurückgezogen, weil der angehende Lehrer angekündigt hatte, seinen Lebenspartner heiraten zu wollen. Die Entscheidung ist rechtsmäßig.
  • Einem Chefarzt an einer katholischen Klinik in Düsseldorf wurde gekündigt, nachdem er sich von seiner ersten Frau hatte scheiden lassen und seine neue Lebensgefährtin im Jahr 2008 heiratete. Das Urteil ist rechtsgültig.
  • Anfang der 2000er Jahre kommen mehr und mehr Missbrauchsfälle durch Angehörige der katholischen Kirchen ans Licht. Nur ein Bruchteil der Verantwortlichen wird nach Kirchenrecht oder nach deutschem Strafrecht verfolgt. Ein Großteil der Taten wurde aktiv von der Kirche vertuscht. (Quelle)

Du bist gläubig und folgst den Geboten des christlichen Glaubens? Du denkst, dieser Jesus: Das war echt ein netter und wir könnten uns alle eine Scheibe von ihm abschneiden? Das sehe ich genau so. Und gerade deshalb finanziere ich keinen Verein, der von „Du sollst nicht töten“ bis hin zu „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus“ jedes seiner eigenen Gebote gebrochen hat und zwar mit Anlauf. Jesus wäre ausgetreten.

Die Blinden sehend machen

Stellen wir uns doch mal vor, du informierst dich auf kirchenaustritt.de über die Schritte, die du unternehmen musst, um diesem Laden für immer den Rücken zu kehren. Nun hast du aber ein schlechtes Gewissen. Es ist ja auch nicht alles schlecht und hey – immerhin geht ein Bruchteil deines Geldes an Vereine, die Sachen machen, die schon ganz okay sind!

Die Frage ist: Könntest du die 50 €, die du jeden Monat sparen könntest, wenn du aus der Kirche austrittst, einem noch besseren Zweck zuführen? Könntest du vielleicht sogar in Jesu Fußstapfen treten und Blinde sehend machen?

Es kostet zwischen 20 und 50 Dollar, einen blinden Menschen in einem Entwicklungsland zu heilen, wenn er ein Trachom hat.  Peter Singer

Peter Singer ist ein Vertreter des Effektiven Altruismus, dessen Anhänger versuchen, mit finanziellen Mitteln so vielen Menschen wie möglich so umfassend wie möglich zu helfen. Bildheit zu heilen, die durch eine Entzündung namens Trachom verursacht werden kann, ist nur eine dieser effektive Methoden.

ich lege dir sehr Peter Singers Ted Talk ans Herz, in dem er die Implikationen des Effektiven Altruiusmus und einige Ressourcen vorstellt. Und würde das einem coolen Typen wie Jesus nicht viel besser gefallen?

 

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